Flussbau in Graubünden

Die grossen Talebenen Graubündens gehörten einst den Flüssen. Das Verhalten der Flüsse war vergleichbar mit dem Verhalten einer grossen Herde von Wildpferden: Meist zogen sie sanftmütig durch die Talebenen, doch immer wieder tobten sie sich (in Form von Hochwasser) ungestüm aus. Als der Mensch sich in ihrem Freiraum einnistete, siedelte er sich an den Rändern der Talebenen an. Hier war er sicher vor dem unkontrollierbaren Freiheitsdrang der Flüsse.

Die Siedlungen und Verkehrswege wuchsen, mit ihnen die Hochwasserschäden. Entsprechend nahm das Bedürfnis zu, die impulsiven, gefährlichen Flüsse in Schranken zu weisen. Auch wurde der Wunsch der Menschen, den Freiraum der Flüsse für sich nutzen zu können, zunehmend grösser.

Im 18. und 19. Jahrhundert gelang es mit grossen Projekten und technischem Geschick die wilden, schadenverursachenden Flüsse zu zähmen. Gleichzeitig entstand neuer Raum für Landwirtschaft, Siedlungen und Verkehrswege.

1861 veröffentlichte Oberingenieur Adolf von Salis einen Vortrag über den Wasserbau im Kanton Graubünden. Mit markanten Worten blickte er in eine Zeit zurück, als man in Graubünden noch undurchdacht, chaotisch und chronisch ineffizient Wasserbau betrieb – “Pfläschterli-Politik” im klassischen Sinne.


«Von Anwendung wissenschaftlicher Grundsätze war in früherer Zeit bei der Behandlung von Gebirgswassern nirgends die Rede. Je nach dem augenblicklichen Flusslaufe und der Anforderung einer augenblicklichen Gefahr wurden bald hier, bald dort, weiter vorn oder weiter zurück, in allen möglichen Richtungen Wuhren angelegt. Dabei gab es denn noch zwischen den gegenüberliegenden Gemeinden Streit, indem jede, in der Meinung, auf diese Art den Fluss am schnellsten vom Halse zu bekommen, ihn mittelst sogenannter Schupfwuhre dem Nachbar zuschickte, welcher dann nicht ermangelte, ihn wo immer möglich auf kürzestem Wege wieder retour zu schicken. Solche Anstände führten häufig sogar zu Tätlichkeiten. Schliesslich wurden sie dann etwa durch einen auf gerichtlichem oder Vermittlungswege erzielten Spruch geschlichtet. (…)

Endlose Arbeiten führten niemals zu einem Ziele, sondern es blieb Jahr um Jahr, Jahrzehend um Jahrzehend beim alten Kriegszustande, mit obligatem Gemeinwerk im Winter und Frühjahr, Sturmläuten, Büschen-Einhängen und sonstigen meist nutzlosen Notharbeiten im Sommer und Herbste; dann Augenschein eines wohlweisen Vorstandes, um nach gehöriger Betrachtung der zum Theil im Sande versunkenen, zum Theil unterwühlten und zerrissenen alten und neuern Werke, für den bevorstehenden Winter einen neuen Plan auszuhecken zu abermaliger nutzloser Verschwendung von Arbeitskräften und Material.

Bedenkt man, dass vieler Orts durch Jahrhunderte auf solche Art fortlaborirt worden ist, und betrachtet man sich heute den Tummelplatz dieser Thätigkeit so vieler Generationen, so kann man fast nicht begreifen, wie es möglich war, so lange nicht einzusehen, dass dieses Verfahren zu keinem Ziele führe, und muss anderseits beklagen, dass diese ungeheure Summe von Arbeit und Material nicht auf eine zweckmässigere Art verwendet wurde, in welchem Falle unsere Vorfahren uns statt verwildeter Flussbette und versumpfter Umgebungen derselben, die erfreulichsten Flusszustände hätten vererben können, ohne sich irgend mehr anzustrengen, als geschehen ist, wiewohl zu der zweckwidrigen Anlage noch die Ausführung im sogenannten Gemeinwerke, dieser systematischen Vergeudung von Zeit und Arbeitskräften, kam.»

Ausriss aus: Adolf von Salis: Über den Wasserbau im Gebirge und speziell in unserm Kanton. In: Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens. N.F. 6. Jahrgang, 1859/1869


Weiterführende Literatur


Adolf von Salis: Über den Wasserbau im Gebirge und speziell in unserm Kanton. In: Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens. N.F. 6. Jahrgang, 1859/1869, S. 42-64


Die Geschichte des Hochwasserschutzes in der Schweiz. Von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert. 2003, von Daniel Vischer.

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Flussbau in der Geschichte Graubündens.

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