Das Hochwasser 1868 in Graubünden

Im Zeitraum vom 27. September bis 5. Oktober 1868 gingen über dem südöstlichen Alpengebiet umfangreiche Wolkenbrüche nieder, die in den Kantonen Tessin, Graubünden, Wallis, St. Gallen und Uri erhebliche Schäden durch Überschwemmungen, Überführungen und Verschüttungen verursachten.

Im Kanton Graubünden entfielen die hautpsächlichsten Zerstörungen auf Wuhren, Dämme und Brücken der Gemeinden und des Kantons, ferner auf Grund und Boden sowie Gebäulichkeiten von Privaten.

Auch die zahlreichen Murgänge (Rüfen) richteten viele Verheerungen an. Am schwersten wurden die Gemeinden Haldenstein, Fläsch und Somvix sowie die Kreise Lugnez und Rheinwald heimgesucht.

Der Gesamtschaden belief sich auf 2.94 Millionen Franken (damaliger Wert).

Quelle Lanz-Stauffer, H.; Rommel, C.: Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungs-Verbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschaden-Versicherung. Band II.
.


Gion Caviezel beschreibt in seiner Lizenziatsarbeit die Schäden des Hochwassers im Engadin, Puschlav und Bergell:

Im Engadin, aber auch in anderen Teilen Graubündens und der Schweiz kam es zu den grössten Überschwemmungen seit 1834.Es entstanden Schäden in Graubünden, im Tessin, Uri, Wallis und Veltlin.

Wie bereits 1834 verursachte der Inn trotz des sehr hohen Wasserstandes im Vergleich mit anderen Flüssen oder den ihm zufliessenden Wildbächen auch dieses Mal verhältnismässig wenig Schaden.

Nebst den starken und lang anhaltenden Regenfällen setzte aufgrund der warmen Temperaturen in höheren Lagen auch die Schneeschmelze ein, was die Gewässer zusätzlich anschwellen liess.

Ab 27. September 1868 traten der Inn und seine zufliessenden Wildbäche über die Ufer. Bei Celerina durchbrach beispielsweise der Schlattain den Kanal und überzog in der Folge die Wiesen von Closs mit einer dicken Decke aus Sand und Steinen.

Zwischen Celerina und Samedan durchbrach wiederum der Flazbach bei der Mündung in den Inn die linke Kanalmauer und überflutete die Wiesen bis zur alten Strasse. Auch einige Wiesen unterhalb von Samedan wurden in Seen verwandelt.

Bei Bever beschädigten die Wassermassen des Inns die neue Brücke erheblich.

Am 29. September hörte es auf zu regnen, doch blieb es weiterhin eher regnerisch. In der Nacht auf den 3. Oktober begann es nach nachmittäglichem Sonnenschein wieder in Strömen zu regnen, wodurch die Gewässer erneut stark anschwollen.

In Sils-Maria flüchteten die Einwohner am 3. Oktober vor den Wassermassen des Fexbaches, der alle seit dem Hochwasser von 1834 noch im Fextal vorhandenen Brücken wegspülte.

Nachdem die Brücke im Dorf von den angeschwemmten Holzmengen verstopft worden war, lief das Wasser über die Brücke und durch den unteren Teil des Dorfes, wo es teilweise in den unteren Teil der Häuser eindrang.

In Celerina wurden zunächst die am nächsten am Inn lebenden Einwohner aus ihren Häusern evakuiert. Ferner musste auch das Vieh aus den Ställen herausgeführt werden, in denen das Wasser bereits eingedrungen war.

Neben der Brücke von Samedan rissen die Wassermassen wiederum einen Teil der Strasse mit sich fort und strömten ein gutes Stück durch die Wiesen von Champagna.

Aufgrund der Wassermassen des Flazbaches und aufgrund des von ihm mitgeführten Materials, das unter anderem das Flussbett des Inns bei der Mündungsstelle füllte, trat der Inn erneut über die Ufer des Kanals auf die Ebene von Samedan.

Dank des Schneefalls in den Bergen in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober liess das Hochwasser nach, womit die grosse Gefahr für das Oberengadin gebannt war.

Das Bergell hatte trotz starken Regens nur geringe Hochwasserschäden zu beklagen. Einzig nennenswerter Schaden war die Verschüttung der Wiesen zwischen Coltura und Montaccio infolge der niedergegangenen Rüfe La Foppetta bei Coltura.

Die Schäden im Puschlav und im oberen Veltlin waren im Gegensatz zum Bergell um einiges grösser.

Im Puschlav waren der Poschiavino und die ihm zufliessenden Wildbäche nach drei Wochen Regen stark angeschwollen, wobei am 3. Oktober die Intensität des Regens nochmals zunahm. Der Wasserstand des Poschiavinos war fast so hoch wie im Jahre 1834. Dank der Bewuhrung erfolgten in Poschiavo Wasserschäden jedoch nur im oberen Teil des Dorfes.

Die Landschaft von S. Antonio wurde hingegen vollkommen überschwemmt. Auch jene Wiesen oberhalb des Dorfes Poschiavo, wie zum Beispiel die Wiesen von Robbia, wurden vom Poschiavino und von den Wildbächen zum Teil überschwemmt.

Hochwasserschäden entstanden ebenfalls in der Gemeinde Brusio. Der Poschiavino zerstörte dort unter anderem drei Mühlen, verwüstete die Wiesen von Meschino bis Plattamala und untergrub an verschiedenen Stellen die Flussufer.

Ferner riss er mit Ausnahme der zwei neuen Steinbrücken in Meschino und Campocologno alle Stege und Brücken der Gemeinde mit sich fort.
.

Quelle Gion Caviezel: Hochwasser und ihre Bewältigung
anhand des Beispiels Oberengadin 1750 – 1900.
Lizenziatsarbeit, Bern, 2007
.

Ch

Ort und Stärke der Unwetterschäden vom Herbst 1868.

Quelle Stephanie Summermatter: “Ein Zoll der Sympathie” – Die Bewältigung der Überschwemmungen von 1868 mit Hilfe der eidg. Spendensammlung / WSL Birmensdorf


Weiterführende Literatur


Coaz, J.W.F.: Die Hochwasser im September und October 1868 im bündnerischen Rheingebiet. Leipzig, 1868


Berichte der Expertencommissionen über die Ursachen und den Betrag des durch die Überschwemmungen im Jahre 1868 in den Cantonen Uri, St. Gallen, Graubünden, Tessin und Wallis angerichteten Schadens. Bern, 1869


Johann Arpagaus: Das Hochwasser des Jahres 1868 mit besonderer Berücksichtigung des Kantons Graubünden. Chur, 1870


Berichte im Bündner Tagblatt


Bündner Tagblatt, Dienstag, 29. September 1868, Nr 229

Bündner Tagblatt, Mittwoch, 30. September 1868, Nr 230

Bündner Tagblatt, Donnerstag, 1. Oktober 1868, Nr 231

Bündner Tagblatt, Freitag, 2. Oktober 1868, Nr 232

Bündner Tagblatt, Samstag, 3. Oktober 1868, Nr 233

Bündner Tagblatt, Montag, 5. Oktober 1868, Nr 234

“Das abgelaufene Jahr war reich an verheerenden meteorologischen Ereignissen, unter welchen das Hochwasser vom 27. September bis zum 5. October als eine der grossartigsten und unheilvollsten unter den ähnlichen Katastrophen, die unser Land schon wiederholt (in diesem Jahrhundert bereits zum dritten Male, 1817, 1835) erfahren musste, wohl Jedem, der Etwas davon erlebte, zeitlebens in der Erinnerung bleiben wird. (…)

Hauptsächlich wurde das Rheingebiet von den Quellen des Vorder- und Hinterrheines bis tief in das St. Gallische Rheinthal, stellenweise wirklich grauenhaft, wie das unglückliche Vals, verheert, ausserdem litten die Gemeinden des Rheinwalds, Surrhein, Haldenstein und Fläsch am bedeutendsten.

In geringerem Grade, wenn stellenweise auch empfindlich genug, wurden Churwalden, sowie die Flussgebiete des Inns, der Moesa, Maira, des Poschiavino und das Münstertal betroffen; dagegen Prättigau, Davos und Oberhalbstein blieben verschont.

Der Gesammtschaden, der auf dem Gebiete von 86 Gemeinden für Corporationen, Private und den Kanton auflief, beträgt nahe an 3 Millionen Franken. (…)
.

Quelle Naturchronik 1868. Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden. Band 15 (1869-1870)

46.7409 9.00715 red
46.6158 9.17981 red
46.4672 9.79294 red

Das Hochwasser 1868 in der Geschichte Graubündens.

  • Wählen Sie auf dieser Karte Beispiele aus.
  • Zoomen Sie in die Karte hinein, damit Sie benachbarte Beispiele besser sehen und auswählen können.